Buchsbaumpilz und Rasenunzucht

Mother’s diary: MEIN (schöner?) Garten im Mai 2013

Liebe Freundin,

vielleicht wunderst Du Dich, weshalb Du gegenwärtig so wenig von mir hörst und siehst. Tatsächlich hat sich mein Naherholungsgebiet um eine weitere Etage tiefer verlagert.


Keine Angst, ich bin nicht aus meinem Wäschegebirgshimmel in der Hölle gelandet. Nein, mit dem Frühling zieht es mich raus in den Garten, wo ich im Untergrund wühle. Mein Mann sorgt sich dann immer und beobachtet kritisch meinen Zustand. Ist sie noch sie selbst, oder bereits blind wie ein Maulwurf mit Schaufelfingerchen? Ich unterscheide mich abends, wenn mein Mann mich und die Kinder ins Haus ruft (es wird gleich dunkel), jedenfalls optisch wenig von meinem Nachwuchs. Dreckig und ramponiert stehen wir kollektiv unter der Dusche. Und schuld an allem ist natürlich der Gärtner, das hat schon Agatha Christie gewusst.


Alles begann vor 4 Jahren, als ich im März von meinem Garten umgepustet wurde. Er hat mich erschlagen. Dieser uralte Garten, mit den vielen hohen Bäumen, dem daraus resultierenden Schatten und immer weiter schwindenden Rasen. Nicht zu vergessen, das Unkraut, das zugleich das einzige war, das in meinem Garten blühte. In den Jahren zuvor hatte ich ein paar vergebliche Versuche gestartet, dieser Wildnis ein paar Blümchen abzutrotzen. Entweder wurden diese ausgegraben (vom Hund), überfahren (von Bobbycar und Dreirad), erschossen (vom Fußball) oder gefressen (die Schneckenkompanie). Und was dann noch stand, wurde von kleinen Kinderhändchen gepflückt und Mami zum immerwährenden Muttertag geschenkt. Was bleibt einem da schon anderes übrig, als sich augenscheinlich über die nun geköpften Tulpen zu freuen. Um es mal mit den Worten von Tom und Jerry zu sagen: „Vielen Dank für die Blumen, vielen Dank, wie lieb von diiier‘!“ Heul! „Guck mal, die Mama freut sich so sehr über die Blümchen, dass sie vor Freude weint!“.


Ich war also ratlos in diesem Frühling vor 4 Jahren und wusste nicht, wo ich auch nur anfangen sollte. Erschwerend kamen zwei Tatsachen hinzu: keine Zeit (dafür drei kleine Abenteurer), nur wenig Geld für den Garten (dafür ein Altbau mit anderen Renovierungsprojekten). Da hatte eine liebe Freundin den ultimativen Tipp für mich: „Du, es gibt da eine Gärtnerei, die kommen zu Dir nach Hause und beraten Dich. Du kaufst dort die Pflanzen und lässt anlegen oder gräbst eben selbst“. Tolle Idee, habe ich direkt an meinen Mann kommuniziert. Dieser war wenig begeistert, weshalb sollte ich bald erfahren…


Es kam wie jedes Jahr mein Geburtstag. Ich warte noch immer darauf, dass mit dem Alter auch die Weisheit über mich hereinbricht, bisher ohne Erfolg. Meine Süßen geben sich immer viel Mühe. Jedes Kind hatte ein kleines Geschenk, das Papa (der Einkaufen bekanntlich hasst) organisiert hatte. Unter anderem schenkten sie mir eine edle Bodylotion, die mir zum Verhängnis werden sollte. Ich tat, was man niemals tun sollte und schäme mich dafür noch immer. Unter vier Augen frage ich meinen Mann, ob ich diese sündhaft teure Körperlotion vielleicht umtauschen dürfe, weil ich ohne jede Übertreibung noch 15 unangebrochene Flaschen besitze. Seinerzeit meinten es alle gut mit mir. Freunde, Verwandte, ja sogar die Apotheker, alle gaben mir Körperlotion. Offensichtlich machte ich einen höchst vertrockneten Eindruck auf mein Umfeld. Ja, ich weiß, es gibt Schlimmeres. Es war in jedem Fall die falsche Frage, die ich da gestellt hatte. Mein Mann explodierte. Eigentlich hatte er mich nämlich mit einem Gärtner überraschen wollen, von jener besagten Gärtnerei, aber da war ich ja auch schon wieder selber drauf gestoßen. Beschämt und traurig, so hab ich mich an diesem Geburtstag gefühlt. Mein Mann nahm mich später in die Arme und tröstete mich, wie man ein kleines trotziges (auch etwas ungezogenes) Kind eben tröstet, das nicht bekommen hat, was es wollte. Wir würden diesen Gärtner doch sowieso kommen lassen, das hätte ich doch selbst schon vorgehabt.


Ein paar Wochen später war es dann soweit, er kam. Ich erwartete meinen Besucher schon ganz aufgeregt und voller Vorfreude. Im Geiste sah ich schon bunte Blumenrabatten, wo aktuell noch Wüste war. Was dann folgte war die Ernüchterung in Person. Er war nett, aber (Du ahnst es, gleich kommt das dicke Ende)…


Liebe Freundin, kennst Du das, im Grunde weißt Du genau, was Du von Deinem Gegenüber hören willst, könntest Dir quasi die Antwort auch selbst geben. Das wäre aber nur halb so befriedigend, als es sich aus dem Munde eines anderen Menschen anzuhören. Nun, dieser zweifelsohne nette und kompetente Gärtner, gab mir leider die falsche Antwort oder besser, er erzählte mir nicht das, was ich hören wollte. Sein erster Weg führte ihn schnurstracks zu einer alten Weide. Hier sollte meine Denkerbank stehen (falls mich die Weisheit ja doch noch findet). Er, der Gärtner, nüchtern: „Die Weide würde ich weg machen.“ Mir steht der Mund auf, mein Mann grinst. Weiter geht’s, und er rodet und rodet sich durch mein Königreich. Zaghaft frage ich ihn nach den Blümchen, die ich mir doch so sehr wünsche. Das, ja das wäre im Moment nicht möglich. Er sendet zunächst ein Angebot über die ersten Maßnahmen zur Baumfällung, ehe ich hier an Blümchen auch nur denken könnte. Ich war niedergeschlagen, denn ich hänge an unseren alten Bäumen. Mein Mann, der übrigens genau so sehr unseren alten Baumbestand liebt, kommentierte dieses erste blind date mit meinem Gärtner mit den Worten: “ Schatz, wie gut, dass ich Dir das nicht zum Geburtstag geschenkt habe!“ Er hatte Recht, das kommt gelegentlich halt mal vor. Hängen blieben aus dieser ersten und letzten Erfahrung mit einem Gärtner oder Gartenplaner die Worte ‚Das geht nicht‘. Diese Worte werden in meinem Gehirn nur anders abgespeichert. Wieder aufrufbar sind sie unter der Rubrik ‚Das geht auf jeden Fall, man muss es nur wollen‘. Darum ist der Gärtner also schuld an unserem jährlichen Gewühle. Er hat mich angestachelt, ha, das wäre doch gelacht!


Lieber Gärtner, ich gebe zu, an manchen Stellen hattest Du wirklich recht, aber meine Weide steht noch immer und drum herum blüht es, und wie! Vielleicht konnte er sich damals auch schlicht nicht vorstellen, was dieser Chaotenhaufen hier mit Baby, zwei Lausbuben und Hund mit Blumenbeeten anfangen soll. Diese Frage stellen sich meine Männer übrigens noch immer. Ihnen genügt das Fußballfeld und der Schwenkgrill zum Glücklichsein. Er (der Gärtner) sagte also: „Lassen wir Sissinghurst in England, wo es hingehört und kaufen sie ihrer Frau einen Blumenstrauß.“ (nein, das hat er nicht gesagt, aber vermutlich gedacht). Habe ich mir aber etwas in den Kopf gesetzt, kommt es da schwer wieder raus.


Ich habe also eine Gartensaisson später angefangen zu wühlen. Jeder der sich mal ein Angebot vom Profi eingeholt hat, der weiß, es geht in die Tausende. So konnte ich sehr entspannt selbst die Gartencenter und Gärtnereien unsicher machen, denn selbst mit ein paar gärtnerischen Fehlversuchen, war diese Summe nicht zu erreichen. Ich grub behutsam Rhododendren und Hortsensien unter alte Bäume, pflanzte Stauden und hatte irgendwann einen Faden gefunden, der mich meinen Garten im Ganzen hat anlegen lassen. Ich setzte ein paar hundert Buchsbäumchen in Kugelform oder auch als Beeteinfassung und überlegte mir eine Strategie für den Rasen. So verbrachte ich also die letzten 3 Jahre.


In diesem Jahr ereilten mich dann gleich mehrere Herausforderungen gleichzeitig. Wie 007, nehme auch ich jede Herausforderung an. Man hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Und so stürze ich mich ohne Fallschirm, aber dafür schwer bewaffnet ins Getümmel. Meine erste wichtige Waffe ist eine Sprayflasche. Deren Munition (Gift für die einen, Pflanzenschutzmittel für die anderen!!!) soll angeblich dem Buchsbaumpilz den Garaus machen.  Es ist schon gemein, da verbringt man Stunden, Tage, Monate, nein Jahre damit, kleine Buchsbäumchen zu ansehnlichen Büschen zu päppeln, und dann das. Kollektives Sterben! Aber nicht mit James B(l)ond. Ich metzel alles nieder, was meinem Königreich gefährlich werden könnte und bombardiere den Rest mit meiner pilztötenden Geheimwaffe. Die Mission dauert noch an…


Mein zweiter wichtiger Job in diesem Jahr ist das Bekämpfen einer ganzen Terrorgruppe, die mein Königreich immer öfter heimsucht. Sie agieren aus dem Untergrund, wo sie über den Winter Kraft tanken und Pläne schmieden, um dann zu hunderten über uns herzufallen. Schnecken! Leider bin ich feige. Ich schaff es nicht Bierfallen aufzustellen oder meinen Spaten elegant wie 007 auf sie herab sausen zu lassen, mittendurch, nein bäh. Ich will ihnen nicht beim Sterben zusehen. Da steh ich nun, bedrohlich in meinem Gemüsereich und drohe dem Feind: „Gib auf, du hast keine Chance, verlass sofort dieses Land und kehre nie wieder zurück“. ‚The Snake‘, vollkommen unbeeindruckt von meiner Drohung, mampft eifrig weiter meinen Rhabarber.


Ok, dann also auf die harte Tour. Ich nehme ‚The Snake‘ und seine Komplizen fest und befördere die gesamte Terrorgruppe in die grüne Abfalltonne. Immer wenn ich danach den Deckel öffne sind sie da, sagen mir ‚Hi‘ und sind noch fetter geworden. Aber wenn ein paar Tage später die Müllabfuhr vorfährt, dann siege am Ende doch ich: „Tschüss Freunde“.  Mein Vater gab mir mal den Tipp, Schneckenkorn zu verwenden, aber natürlich nicht im eigenen Garten. Papa riet mir: „Schneckenkorn wirfst Du rüber zum Nachbarn und los bist du sie oder du wirfst die Schnecke gleich hinterher“.  Ich mag meine Nachbarn, also geht das nicht.


Aber ich hab noch einen anderen Versuch unternommen, die Plagegeister loszuwerden. Meine Jungs haben so kleine Plastikgefängnisse, für alles was kreucht und fleucht. Da hab ich die Terrorgruppe reingesetzt und wollte sie anderorts aussetzen. Aber wohin? Nachbar viel aus, blieb der Wald. Ich also mit Hund und meinem Terrarium in den Wald spaziert. Der Weg kam mir an diesem Morgen länger vor als sonst. Das mag an den vielen Blicken der Omis liegen, die just an diesem Morgen unterwegs waren. Mein Mann weigerte sich leider, unsere Schnecken mit in den Wald zu nehmen. Wenn er unterwegs ist, ist es meist noch dunkel, das wäre eine sichere Methode gewesen. Er meint aber, der Hund sei Begleitung genug und ich würde manchmal zur Übertreibung neigen – Unverschämtheit, ich niemals! Er ließ mich also sitzen mit meinen Schnecken. Aber Gott sei Dank gibt es ja die Müllabfuhr! Mission erfüllt!


Bleibt also noch das Problem mit der  Rasen(un)zucht. Wo letztes Jahr schon wenig Gras wuchs, war dieses Jahr gar keins mehr vorhanden. Andere beklagen sich über Unkraut und braune Flecken, in meinem Kingdom gab’s nicht mal mehr das. Hier war also echter Pioniergeist gefragt. Zunächst machte ich mich mit einem Vertikutierer über das Moos her (hatte tatsächlich meine Fürsorge überlebt). Ich arbeitete Kalk, Bodenaktivator, Dünger und Sand in den Boden ein. Lüftete immer wieder zwischendurch den Boden mit einer Grabegabel, schüttete Mutterboden auf, walzte die ganze Fläche fest und war zwar fix und foxi, aber hochmotiviert. Dann fuhr ich zum Fachhandel und wollte Rasen kaufen. Das war Mitte April. Mein Mann war der Meinung, jetzt, da es so viel regnet, sei der perfekte Zeitpunkt zur Aussaat. Der Händler riet eher bis Anfang Mai zu warten, aber wir waren sowas von bereit. Ich kaufte den teuren Samen, den Rasen, der den widrigsten Umständen, also einer Horde Kinder nebst Hund und ner ganzen Fußballmannschaft trotzt. Ich säte und walzte und wässerte. Und wässerte. Und wässerte. Und…dann kamen die ersten….

….Vögel!!!! Schnell sprach es sich in der gesamten Nachbarschaft herum wo es Vogelfutter vom Feinsten gibt. Als mein Mann eines Morgens die Läden aufmachte, schreckte er an die 30 Vögel auf, die meinen Grassamen fraßen. Vermutlich hätten sich Hänsel und Gretel zu dieser Zeit nicht bei uns im Wald verlaufen, denn Brotkrumen hätte kein Vogel mehr gefressen. Die Vogelschar saß bei mir im Garten und fraß sich die Bäuche voll. Was war ich froh, dass ich auch ja den teuren Qualitätssamen gekauft hatte. Nicht auszudenken,  wir hätten minderwertige Qualität verfüttert.  Unsere ganze, unsere einzige Hoffnung war unser Hund. Also Tür auf, Pluto raus wie der Blitz und Vogel verjagt. Hoffnung keimte auf, die stirbt ja bekanntlich zuletzt.


Leider wisst Ihr ja um die Vorliebe meines Hundes für Omis und LKW-Fahrer. Also Oma läuft am Gartentor vorbei, Pluto hinterher und Vogel wieder da. So wiederholte sich das Spektakel Stunde um Stunde, jeden Tag. Ich überlegte schon, ob ich mir irgendwo einen Rentner ausleihen sollte, der sich mit einem Klappstühlchen in meinen Garten setzt, so als lebende Vogelscheuche. Da hatte mein Mann eine bessere Idee: wir decken alles ab mit Gartenvlies. Ich erinnerte mich dunkel, sowas mal für den Gemüsegarten gekauft zu haben. Natürlich reichte das nicht. Sah eher ulkig aus, dieser 10 Meter lange und 1,5 Meter breite, leuchtend weiße Teppich. Ich kommentierte dieses Meisterwerk meines Mannes mit den Worten: „Super jetzt haben die Vögel auch eine Landebahn. Ob ich wohl noch ein paar Scheinwerfer aufstellen soll, damit auch bei Dunkelheit eine sichere Landung gewährleistet ist?“. Und wie sie landeten!


Aber die Zeit heilt alle Wunden, in diesem Fall war es der Mai. Die Sonne streckte ihre Strahlen über mein Königreich aus, und ihr werdet es kaum glauben, ein paar Körnchen waren tatsächlich übrig und gingen auf. Blickt man nun schräg vom Haus in den Garten, so sieht es richtig grün aus. Nur von oben offenbaren sich die kahlgefressenen Picknickstellen unserer gefiederten Freunde, aber wer will schon derart pingelig sein…


Herzlichst,

Deine Tanya

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